Veranstaltung „Den Sozialstaat ökonomisch neu denken“: Sozialleistungen als Investment
Am 12. Juni 2026 fand die Veranstaltung „Den Sozialstaat ökonomisch neu denken – Social Return on Investment“ in Berlin statt, die in Kooperation von Sozialverband VdK Deutschland (VdK), Deutsche Vereinigung für Rehabilitation (DVfR) und Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB) organisiert wurde. Zentrales Anliegen der Veranstaltung war es, einen fundierten Beitrag zur Diskussion um den Sozialstaat zu leisten und den ökonomischen und gesellschaftlichen Nutzen von Sozialleistungen herauszustellen. Welche Wirkung Sozialleistungen haben, wurde über den noch zu wenig angewendeten Ansatz des Social Return on Investment (SROI) erörtert.
Eröffnet wurde die hochkarätig besetzte Veranstaltung durch eine Begrüßungsansprache der Präsidentin des VdK, Verena Bentele. Dr. Matthias Schmidt-Ohlemann, Vorsitzender der DVfR, moderierte die Veranstaltung und die abschließende Podiumsdiskussion. Als Mitwirkende konnten für drei aufeinander Bezug nehmende Vorträge Prof. Dr. Achim Truger, Universität Duisburg-Essen und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Prof. Dr. Klaus Schellberg, Evangelische Hochschule Nürnberg, und Prof. Dr. Harry Fuchs, Hochschule Düsseldorf, gewonnen werden. An der abschließenden Diskussionsrunde nahmen neben Verena Bentele, Prof. Dr. Harry Fuchs und Prof. Dr. Achim Truger auch Markus Hofmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik des DGB, und die niedersächsische Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, Annetraud Grote, teil.

Matthias Schmidt-Ohlemann (am Rednerpult) begrüßt die Teilnehmenden der Veranstaltung „Den Sozialstaat ökonomisch neu denken – Social Return on Investment“ am 12. Juni 2026 in Berlin. Foto: Klaus Lange (Sozialverband VdK)
Achim Truger zeigte in seinem Vortrag „Volkswirtschaftlicher Nutzen von Teilhabe: Zur ökonomischen Verteidigung des Sozialen“ auf, dass die aktuelle, fiskalische Krise keine „Überregulierungskrise“ oder „Sozialstaatskrise“ sei, sondern eine schwerwiegende Export- und Industriekrise mit Folgeerscheinungen in weiteren Branchen. Die Sozialleistungsquote sei in den letzten 56 Jahren nicht nennenswert gestiegen. Deutschland liege im OECD-Vergleich im oberen Mittelfeld. Ebenso legte der Wirtschaftsweise dar, dass eine Steigerung der Sozialversicherungsbeiträge um fünf Prozentpunkte eine prognostizierte Wirkung zwischen -0,5 % und -0,6 % in fünf Jahren und zwischen -0,5 % und -0,9 % in zehn Jahren auf das Bruttoinlandsprodukt habe. Entgegen der Idee, das Wirtschaftswachstum vor allem über Einschnitte bei den Sozialleistungen zu stärken, sprach sich Prof. Truger für die Steigerung der Effizienz der Sozialleistungen aus und verwies auf deren stabilisierende Wirkung für Wirtschaft und Gesellschaft. Außerdem sei eine nachhaltige Industrie- und Finanzpolitik erforderlich.
Der Frage „Was kostet eine soziale Leistung?“ stellte Klaus Schellberg die Frage „Welche Wirkung erzeugt die Intervention?“ entgegen. Ihr wird mit dem Ansatz des Social Return on Investment (SROI) nachgegangen. Zunächst grenzte er den Return on Investment (ROI) als betriebswirtschaftliche Kennzahl vom SROI ab, der über die Kennzahl hinausgeht und die soziale und gesellschaftliche Wertschöpfung quantifiziert. Sodann stellte er die sechs Perspektiven des SROI dar (z. B. Steuer- und Beitragsrückflüsse, Lebensqualität oder Wohlfahrtsperspektive). Der Wissenschaftler hat den Ansatz des SROI bereits in mehreren Untersuchungen angewendet. Eines der aufgezeigten Beispiele bezog sich auf Werkstätten für Menschen mit Behinderungen (WfbM). Die Kosten der Intervention WfbM fließe zu 52 % in den Wirtschaftskreislauf zurück. Leistungen zur Teilhabe lohnen sich also auch ökonomisch.
Harry Fuchs verwies in seinem Vortrag „Bereitstellung von Sozialleistungen zur gesellschaftlichen Teilhabe aus ökonomischer Perspektive“ darauf, dass Sozialleistungen kein „Nice-to-have“ seien, sondern elementares Element zum Erhalt des sozialen Friedens. Durch soziale Dienstleistungen, wie Pflege oder Betreuung, werde die Teilhabe der Leistungsempfänger am Leben in der Gesellschaft unmittelbar verbessert, und durch Leistungen werden Kosten an anderer Stelle vermieden oder vermindert. Einsparpotenziale sieht der Sozialrechtsexperte durch die Entlastung der Beitragszahlenden von versicherungsfremden Leistungen in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung. Würde der Bund der Finanzierung dieser versicherungsfremden Leistungen nachkommen, könnte sich die aktuelle Diskussion über die Reduzierung von Sozialleistungen deutlich entspannen.

Mitwirkende der Veranstaltung: Annetraud Grote, Achim Truger, Verena Bentele, Markus Hofmann, Harry Fuchs und Matthias Schmidt-Ohlemann (von links nach rechts). Foto: Klaus Lange (Sozialverband VdK)
Die Beiträge und die Abschlussdiskussion machten deutlich, dass ein starker Sozialstaat die Produktivität erhöht, unabdingbar für die Teilhabe und ein soziales Miteinander ist. Sachliche Argumente für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Effekte des Sozialstaats liegen vor. Der SROI habe Potenzial: Einerseits sei er in der finanzpolitischen Debatte stärker zu berücksichtigen, um auch den ökonomischen Mehrwert von Sozialleistungen für die Wirtschaft und Gesellschaft zu erkennen. Anderseits sei der Ansatz breiter in die Öffentlichkeit zu tragen, um einseitigen Diskussionen zum Sparzwang entgegenzuwirken. Verbände und Zivilgesellschaft seien jetzt gefordert, den Diskurs mit der Ökonomie und den Entscheidern fortzuführen. Dem Narrativ „Es braucht harte Einschnitte und schmerzhafte Reformen“ muss ein positives Narrativ zu den Wirkungen des Sozialstaats entgegengestellt werden.
Dokumentation
Volkswirtschaftlicher Nutzen von Teilhabe: Zur ökonomischen Verteidigung des Sozialen
Prof. Dr. Achim Truger, Universität Duisburg-Essen und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
Der Mehrwert des Sozialen – Das Konzept des SocialReturn on Investment (SROI)
Prof. Dr. Klaus Schellberg, Evangelische Hochschule Nürnberg
Bereitstellung von Sozialleistungen zur gesellschaftlichen Teilhabe aus ökonomischer Perspektive
Prof. Dr. Harry Fuchs, Hochschule Düsseldorf
Weitere Informationen
Aktuelle Fragen im Sozial- und Gesundheitswesen unter Berücksichtigung von Rehabilitation und Teilhabe. Zur Diskussion um den Sozialstaat und soziale Leistungen
Dr. Matthias Schmidt-Ohlemann (Vortrag bei der Mitgliederversammlung der DVfR 2025)