17.06.2026

Studie der Aktion Mensch zum gesellschaftlichen Zusammenhalt

Menschen mit Beeinträchtigungen empfinden in fast allen Lebensbereichen weniger Zugehörigkeit und Teilhabemöglichkeiten als die Gesamtbevölkerung. Zugleich sind stabile und verlässliche Strukturen für sie besonders wichtig. Diese Erkenntnisse gehen aus einer im Auftrag der Aktion Mensch durchgeführten Studie zum gesellschaftlichen Zusammenhalt hervor.

Der kürzlich von der Aktion Mensch veröffentlichte Forschungsbericht fasst die Erfahrungen von Menschen mit Beeinträchtigungen u. a. mit dem Zusammenhalt im Sozialraum, mit Möglichkeiten und Formen des gesellschaftlichen oder politischen Engagements und ihrer Wahrnehmung von Zusammenhalt und Demokratie zusammen.

Ausgangspunkt war die „Zusammenhaltsstudie“, eine gemeinsame Befragung von ARD, ZDF und Deutschlandradio im Frühjahr 2025. Für die Studie der Aktion Mensch wurden ausgewählte Fragen aus der „Zusammenhaltsstudie“ für eine zusätzliche Erhebung im Sommer 2025 in der Teilhabe-Community, einem Online-Panel von ca. 2.000 Menschen mit verschiedensten Beeinträchtigungen, darunter auch Menschen mit chronischen Erkrankungen, übernommen. Die Ergebnisse beider Untersuchungen werden im Forschungsbericht vergleichend ausgewertet.

Befragt zu ihrem Erleben von Zusammenhalt im persönlichen Umfeld, gaben jeweils zwei Drittel der Menschen mit Beeinträchtigungen an, dass der Zusammenhalt in der Familie bzw. im Freundeskreis eher oder sehr stark sei. In der Gesamtbevölkerung liegt dieser Anteil deutlich höher (Freundeskreis: 77 Prozent; Familie: 78 Prozent). Dieses Ergebnis decke sich mit Erkenntnissen, dass sich Menschen mit Beeinträchtigungen auch in spezifischen Alltagssituationen, wie etwa bei gesundheitlichen Anliegen, von Familie und Freunden weniger ernst genommen fühlten, also Zusammenhalt vermissten, schreiben die Autorin und der Autor des Forschungsberichts. Besonders stark geht die Wahrnehmung von Zusammenhalt in den Bereichen „Arbeit, Schule oder Universität“ und „Nachbarschaft“ auseinander: Menschen mit Beeinträchtigungen fühlen sich hier jeweils deutlich weniger zugehörig als die Gesamtbevölkerung.

Mehrheit der Befragten sieht gesellschaftlichen Zusammenhalt in Gefahr

Im Abschnitt „Gesellschaftliche und politische Teilhabe“ legen die Autorin und der Autor des Berichts dar, dass Menschen mit Beeinträchtigungen sich insgesamt häufiger als die Gesamtbevölkerung engagieren (80 Prozent im Vergleich zu 70 Prozent), etwa wenn es um die Beteiligung an einer Unterschriftensammlung oder Petition oder um lokales ehrenamtliches Engagement geht. Dieser überdurchschnittliche Einsatz könne darauf zurückzuführen sein, dass sie als marginalisierte Gruppe häufiger für ihre Rechte eintreten müssten und gesellschaftliche Themen in besonderem Maße ihre Lebensrealität betreffen würden.

Die Mehrheit der Befragten, sowohl in der Teilhabe-Community als auch in der Gesamtbevölkerung, sieht laut Forschungsbericht den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland als gefährdet an. Menschen mit Beeinträchtigungen stimmen dieser Einschätzung jedoch häufiger zu als die Gesamtbevölkerung (89 Prozent im Vergleich zu 79 Prozent). Die Wahrnehmung, dass die sozialen Ungleichheiten in Deutschland so groß sind, dass sie den Zusammenhalt gefährden, teilen 85 Prozent der befragten Menschen mit Beeinträchtigungen, aber nur 76 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Sorgen um gesellschaftliche Spaltung, soziale Ungleichheit, fehlende Anerkennung oder den Verlust von Zusammenhalt seien keine exklusiven Erfahrungen von Menschen mit Beeinträchtigungen, heißt es im Fazit des Berichts. „Sie sind für diese Gruppe durch eigene Marginalisierungserfahrungen jedoch besonders greifbar.“

Zur Veröffentlichung „Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Teilhabeerfahrungen und Teilhabeerwartungen von Menschen mit Beeinträchtigung“ auf der Website der Aktion Mensch

(Quelle: Aktion Mensch e. V.)