Stadt Marburg übersetzt Bescheide in verständliche Sprache
„Wir müssen eine Entscheidung treffen. Vielleicht ist diese Entscheidung nicht gut für Sie. Deshalb möchten wir vorher wissen, was Sie dazu sagen.“ – So könnte sich ein Bescheid für Marburger Bürgerinnen und Bürger seit Neuestem lesen. Die Universitätsstadt hat mehr als 50 Bescheide im Bereich des Fachdienstes Soziale Leistungen in verständliche Sprache übersetzt.
„Wir stellen fest, dass einfache Sprache einen wesentlichen Beitrag zum Bürokratieabbau leistet. Dabei bleibt rechtssicheres Verwaltungshandeln gewährleistet“, sagt Felix Speidel, Teamleiter im Sachgebiet für Grundsicherung im Alter und Erwerbsminderung. Bürgerinnen und Bürger könnten es so z. B. besser einordnen, wenn es um Mitwirkung gehe. Zugleich werde der Eindruck verhindert, „die Verwaltung“ entscheide über das Leben der Menschen, ohne ihr Handeln zu erklären und verständlich zu machen, so Speidel weiter. Auf diese Weise könne auch das Vertrauen in staatliches Handeln gestärkt werden, erläutert er das Ziel der Stadt.
Eine klare Kommunikation spart aus Sicht der Verantwortlichen Zeit und Nerven auf beiden Seiten. Weniger Korrekturen seien erforderlich, das Verfahren werde insgesamt sachlicher und zielgerichteter. So wird beispielsweise in einem Schreiben erst einmal der Sachverhalt erklärt:
„Warum bekommen Sie Sozialhilfe? Das Gesetz legt fest, wie viel Geld jeder Mensch mindestens zum Leben braucht, zum Beispiel für Miete, Essen, Kleidung oder Strom. Auch besondere Kosten werden mit eingerechnet, zum Beispiel bei Krankheit oder Behinderung. Wir haben berechnet, wie viel Geld Sie selbst haben, zum Beispiel durch Rente. Nach dem Gesetz brauchen Sie aber mehr Geld zum Leben. Deshalb zahlen wir Ihnen das fehlende Geld. Die genaue Berechnung steht in den Tabellen, die zu diesem Bescheid gehören. Manchmal zahlen wir einen Teil des Geldes direkt an andere, zum Beispiel an die Vermieterin, die Krankenkasse oder den Energieversorger.“
Die Stadt Marburg spricht von einer Kommunikation auf „Augenhöhe zwischen Verwaltung und Bürger*innen“, zudem würden Missverständnisse vermieden. Die Sachbearbeiterinnen und -bearbeiter werden in Marburg geschult, damit sie nach und nach auch die individuellen Teile der Schreiben verständlich formulieren können. Nur die Rechtsbehelfsbelehrung muss so bleiben, wie sie ist.
Vorreiterin unter den Kommunen
Der Fachdienst Soziale Leistungen wird zudem die überarbeiteten Bescheide auf einer Austauschplattform bereitstellen, so dass andere Kommunen von den Vorlagen profitieren – oder Anregungen für eigene Wege erhalten können. „Einige Kommunen haben uns bereits ihr Interesse an der Austauschplattform signalisiert“, ergänzt Pressesprecherin Patricia Grähling. Die Stadt möchte den Ansatz in Zukunft weiter ausbauen.
Zur Pressemitteilung der Stadt Marburg
(Quelle: Universitätsstadt Marburg)