24.03.2026

Positionspapier zur medizinischen Reha von Menschen mit bestehenden Beeinträchtigungen

Die komplexe und bislang wenig erforschte Situation der medizinischen Rehabilitation für Menschen mit bestehenden Behinderungen/Beeinträchtigungen ist das Thema eines aktuellen Positionspapiers der Wissenschaftlich-Medizinischen Allianz für Rehabilitation (WMAR). Das derzeitige Rehabilitationssystem sei auf diese Zielgruppe nicht ausgerichtet, stellen die Autorinnen und Autoren fest. Sie fordern, sich weniger an der Indikation und vielmehr an den Teilhabezielen der Betroffenen zu orientieren.

Im Fokus der Veröffentlichung stehen Menschen, die bereits mit einer Beeinträchtigung leben und aufgrund einer zusätzlichen Erkrankung, Operation oder Verschlechterung ihrer Gesundheit einen Rehabilitationsbedarf aufweisen, heißt es in der Zusammenfassung. Dabei handele es sich um eine Zielgruppe, die in ihren Beeinträchtigungen und Versorgungsbedarfen sehr heterogen sei.

Zwar verpflichten die UN-Behindertenrechtskonvention, das SGB IX und das Behindertengleichstellungsgesetz Leistungsträger wie z. B. die Kranken- oder Rentenversicherung dazu, barrierefreie und bedarfsgerechte Angebote zu schaffen. Dennoch fehle es an einer konsequenten Umsetzung der rechtlichen Grundlagen, bemängeln die Autorinnen und Autoren. Strukturelle Barrieren wie eine nicht vorhandene barrierefreie räumliche und apparative Ausstattung, unzureichende Kommunikationshilfen oder fehlende personelle Assistenz bzw. Unterstützung sind ihren Angaben zufolge weit verbreitet.

Die medizinische Rehabilitation in Deutschland sei stark segmentiert und orientiere sich an krankheitsspezifischen Indikationen in den Fächern Orthopädie, Neurologie, Kardiologie, Psychosomatik und anderen. Insbesondere Menschen mit hohem Pflegebedarf, Multimorbidität, schweren psychischen Erkrankungen oder komplexen Verhaltensauffälligkeiten fänden häufig keine passende Rehabilitationseinrichtung, da hiervon nur sehr wenige oder gar keine existierten.

„Rehabilitationsfähigkeit“ verschärft Ungleichheiten in der Versorgung

Das Kriterium der „Rehabilitationsfähigkeit“ kommt nach Ansicht der Autorinnen und Autoren erschwerend hinzu. Es berücksichtige nicht, ob eine Reha im Einzelfall möglich und sinnvoll sei, sondern ob es eine Passung zwischen dem Versorgungsbedarf der/des Betroffenen und verfügbaren Rehabilitationseinrichtungen gebe. „Das Konstrukt der ‚Rehabilitationsfähigkeit‘ verstärkt somit gesundheitliche Ungleichheiten und führt zu systematischer Ausgrenzung von Personen mit schweren und komplexen Beeinträchtigungen“, heißt es weiter.

Der gesamte Reha-Prozess sei von vielen Barrieren geprägt: Diese reichen von fehlendem Wissen vieler Betroffener und ihrer An- bzw. Zugehörigen über komplexe Formulare im Antragsverfahren bis hin zur mangelnden baulichen, aber auch kommunikativen und organisatorischen Barrierefreiheit in Einrichtungen.

Zudem fehlten systematische Daten über den tatsächlichen Rehabilitationsbedarf, die Inanspruchnahme von Leistungen und die Wirksamkeit von Maßnahmen bei Menschen mit vorbestehenden Beeinträchtigungen. Die wenigen vorhandenen Studien legten nahe, dass der Bedarf hoch, die Versorgungslage jedoch nicht ausreichend sei.

Im Positionspapier werden über die Analysen hinaus verschiedene Handlungsbedarfe und Empfehlungen formuliert:

  1. Überarbeitung des Konstrukts der „Rehabilitationsfähigkeit“ (durch eine stärkere Teilhabezielorientierung)
  2. Etablierung zielgruppenspezifischer Angebote
  3. Förderung der Mobilen Rehabilitation
  4. Verbesserung der Kommunikation und Koordination
  5. Forschungsförderung
  6. Ausbildung und Sensibilisierung (von Fachkräften in der medizinischen Rehabilitation)
  7. Finanzielle Anpassung der Vergütung
  8. Implementierung ärztlicher Rehabilitationsbeauftragter in Krankenhäusern

Weitere Informationen

Das Positionspapier „Medizinische Rehabilitation von Menschen mit vorbestehenden Beeinträchtigungen/Behinderungen – Herausforderungen und Handlungsbedarfe“ steht in einer vorläufigen Fassung auf der Website der WMAR zur Verfügung.

(Quelle: Wissenschaftlich-Medizinische Allianz für Rehabilitation)