Mehrheit bevorzugt Bezeichnung „Menschen mit Unterstützungsbedarf“
Die Bundesvereinigung Lebenshilfe hat in einer bundesweiten Umfrage mit mehr als 1.200 Teilnehmenden untersucht, wie Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung diese Bezeichnung empfinden, welche Bezeichnungen sie selbst vorschlagen und wie sie kursierende Alternativbegriffe bewerten. Die Umfrageergebnisse werden in dem Artikel „Sagt doch einfach Mensch!“ in der Fachzeitschrift „Teilhabe“, Ausgabe 2/2026, erläutert. Der Beitrag ist als Open-Access-Artikel kostenfrei im Netz zugänglich.
Die Bezeichnung „geistige Behinderung“ sei keine von den betroffenen Menschen selbstgewählte Bezeichnung, sondern eine belastende Fremdzuschreibung, die im Alltag als Beschimpfung wahrgenommen werde, heißt es in der Einleitung zum Artikel. Der Text zeichnet die Begriffsdiskussionen der jüngeren Vergangenheit nach, darunter etwa der Verstoß von Jürgen Dusel. Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen sprach sich in einem Interview im Januar 2024 gegen den Begriff aus und schlug alternativ die Bezeichnung „Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen“ vor.
Die Bundesvereinigung Lebenshilfe und deren Gremium „Rat behinderter Menschen“ stießen Ende 2024 eine bundesweite Online-Umfrage an. Damit sollte u. a. untersucht werden, wie Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung diese Bezeichnung selbst wahrnehmen. Über 1.200 Personen schlossen die Befragung ab. Es lasse sich feststellen, dass die relative Mehrheit der Befragten „geistige Behinderung“ als Bezeichnung „schlecht“ finde, heißt es im Zeitschriftenbeitrag. Mit zunehmendem Alter werde die Bezeichnung tendenziell häufiger abgelehnt – möglicherweise aufgrund wiederholter Ausgrenzungserfahrungen im Zusammenhang mit dem Begriff, die ältere Befragte im Laufe ihres Lebens gesammelt haben.
Wenige Befragte schlagen eigene Bezeichnungen vor
Ein Freitextfeld bot die Möglichkeit, eigene Bezeichnungen vorzuschlagen. Am häufigsten wurden Begriffe angegeben, die sich der Kategorie „Beeinträchtigung“ zuordnen lassen, also z. B. „Beeinträchtigung beim Denken“. Weitere Vorschläge wurden in den Kategorien „Handicap“, „Einschränkung“, „Lernschwierigkeiten“, „Unterstützungsbedarf“, „Mensch mit Behinderung(en)“, „einfach Mensch“ und „Sonstiges“ zusammengefasst.
Selbst Alternativbezeichnungen vorzuschlagen, sei für die Befragten eine große Herausforderung gewesen, erläutern die Autorinnen und der Autor des Artikels. Darauf deute zum einen die vergleichsweise geringe Anzahl an Personen hin, die Vorschläge einreichten. Zum anderen sei dies aus einzelnen Antworten hervorgegangen (Beispiel: „Das ist zu schwer für mich.“).
Im dritten Teil der Umfrage sollten die Teilnehmenden acht übliche Alternativbezeichnungen bewerten. Die Bezeichnung „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ wurde von über 70 % als „gut“ eingestuft; knapp 9 % beurteilten sie als „schlecht“. Diese Bezeichnung scheine für viele der adressierten Personen eine gute Alternative darzustellen, schreiben die Autorinnen und der Autor: „Sie ist sehr weit gefasst und eher positiv besetzt, denn jeder Mensch hat irgendwann im Laufe seines Lebens Unterstützungsbedarf.“ Unter den enger gefassten und in fachlichen Kontexten verwendeten Begriffen schneide „Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung“ mit einer Zustimmung von knapp 38 % am besten ab.
Die Ergebnisse der Umfrage wurden in den Gremien der Bundesvereinigung Lebenshilfe breit diskutiert, heißt es im Fazit des Artikels. Bei der Mitgliederversammlung 2025 kam es zu folgendem Beschluss: Die Lebenshilfe soll künftig von „Menschen mit Unterstützungsbedarf“ oder „Menschen mit Unterstützungsbedarf und kognitiver Beeinträchtigung“ sprechen, auch um mit gutem Beispiel für eine diskriminierungssensible Sprache voranzugehen.
Zum Artikel „Sagt doch einfach Mensch!“ (PDF)
(Quelle: Bundesvereinigung Lebenshilfe)
Weitere Informationen
Die Bundesvereinigung Lebenshilfe lädt für den 28. September 2026, 16 bis 17 Uhr zu einer Online-Veranstaltung zur Vorstellung der Umfrageergebnisse ein. Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung ist erforderlich.