10.09.2025

Befragung des LVR zur Lebenssituation erwachsener Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in Herkunftsfamilien

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) hat in einer groß angelegten Studie untersucht, wie erwachsene Menschen mit Behinderungen leben, die noch bei ihren Eltern oder Geschwistern wohnen. Dabei zeigte sich, dass ein Großteil der Befragten diese Form des Zusammenlebens als sehr positiv bewertet. Zugleich wurde deutlich, dass sich nur wenige Familien schon konkrete Gedanken gemacht haben über eine Zukunft, in der die Unterstützung des Familienmitglieds mit Behinderung durch die Eltern altersbedingt nicht mehr möglich sein wird.

Für die Studie „Lebensmodell Elternhaus?“ wurden Erwachsene mit einer kognitiven Beeinträchtigung, die mindestens 25 Jahre alt waren, in einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt sind, aber keine Assistenzleistungen der sozialen Teilhabe erhalten, und noch mit ihrer Herkunftsfamilie zusammenleben, und ihre Angehörigen befragt. Es wurden insgesamt 276 Familien interviewt, davon 31 persönlich und 245 per schriftlichem Fragebogen.

Zu den zentralen Ergebnissen zählt, dass die große Mehrheit der Befragten angab, mit dem Zusammenleben (sehr) zufrieden zu sein. Viele schätzen die mit dieser Wohnform verbundene Stabilität, Sicherheit und emotionale Nähe und haben sich bewusst dafür entschieden. Fühlen sich Angehörige durch die von ihnen erbrachte Unterstützung für das Familienmitglied mit Behinderung (stark) beansprucht, sind sie mit der Wohnsituation allerdings tendenziell weniger zufrieden. In den meisten Fällen wird die hauptsächliche Unterstützung von der Mutter des erwachsenen Kindes geleistet. Fast die Hälfte der befragten Angehörigen gab an, im zurückliegenden Jahr keine externen Unterstützungsangebote genutzt zu haben. Nehmen Familien Unterstützung von Dritten wahr, handelt es sich dabei meist um Freizeitangebote, stundenweise Betreuung durch Dienste oder Kurzzeitbetreuung.

Strukturelle Gründe spielen geringe Rolle

Die große Mehrheit der befragten Eltern/Angehörigen äußerte den Wunsch, das Familienmitglied mit Behinderung so lange betreuen zu wollen, wie es ihnen (gesundheitlich) möglich ist. Ein möglicher Auszug des Kindes wird von vielen Eltern als Belastung empfunden: Sie verknüpfen damit die Sorge, dass ihr Kind künftig sozial isoliert sein oder nicht ausreichend unterstützt werden könnte. Dazu kommt, dass vor allem älteren Menschen mit Behinderungen die Vorstellung von einem alternativen Leben ohne die Familie fehlt und sie einen Auszug ebenfalls mit Unsicherheiten und Ängsten verbinden.

Zwar werden strukturelle Hürden wie z. B. der Mangel an passenden Wohnangeboten der Eingliederungshilfe oder auf dem allgemeinen Wohnungsmarkt auch als Gründe für den Verbleib der erwachsenen Kinder in ihren Familien genannt; sie spielen laut Abschlussbericht zur Studie aber im Vergleich mit den persönlichen Motiven eine eher geringe Rolle. 63 Prozent der Menschen mit Behinderungen möchten nach eigenen Angaben ihre Herkunftsfamilie nicht verlassen. Bei den Angehörigen sind es 60 Prozent, die sich gegen einen Auszug des Kindes aussprechen. Nur 6 Prozent der Menschen mit Behinderungen und 8 Prozent der Angehörigen wünschten sich zum Befragungszeitpunkt einen Auszug.

Die meisten Familien setzen sich erst bei zunehmender Belastung oder beginnender Pflegebedürftigkeit der Eltern mit Alternativen zur aktuellen Wohnsituation auseinander. Hier gehen die Meinungen von Kindern und Eltern z. T. deutlich auseinander: Während sich nur 17 Prozent der Menschen mit Behinderungen für ein Wohnheim entscheiden würden, halten 50 Prozent der Angehörigen diese Wohnform für eine geeignete Option.

Weitere Informationen

Der Abschlussbericht zur Befragung „Erwachsene Menschen mit Behinderung in Herkunftsfamilien“ kann als weitgehend barrierefreies PDF auf der Website des LVR heruntergeladen werden.

(Quelle: Landschaftsverband Rheinland)