EbM-Kongress 2022

01.-03.09.2022
Lübeck

Die zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen und Veränderungen unserer Zeit, sei es durch die COVID-19-Pandemie, den Klimawandel oder die Digitalisierung, berühren ganz unmittelbar das „Gut“ Gesundheit und den gesundheitlichen Versorgungsbedarf. Es stellen sich einmal mehr oder wieder Fragen danach, woran ein Bedarf für gesundheitliche Versorgung bemessen werden kann und soll, was eine bedarfsgerechte Versorgung bedeutet und wie sie gewährleistet werden kann.

Es ist das Ziel der evidenzbasierten Medizin (EbM), Entscheidungen über die Ressourcenzuteilung und -verteilung in der Gesundheitsversorgung auf der Basis des besten verfügbaren wissenschaftlichen Wissens und unter systematischer Berücksichtigung der Präferenzen und Bedürfnisse beteiligter Personen bzw. Personengruppen zu unterstützen, auf der Mikroebene der individuellen Behandlung ebenso wie auf der Makroebene gesundheitspolitischer Entscheidungen.

Damit das Potenzial der EbM als Rahmen und Leitlinie für Entscheidungen so unterschiedlicher Reichweite genutzt werden kann, gilt es, entscheidungsrelevante Forschungsergebnisse zu generieren und adressatengerecht zusammenzufassen und bereitzustellen, die Anwendung evidenzbasierter Informationen auf allen Ebenen – inklusive der politischen Willensbildung und Gesetzgebung – zu unterstützen und die Qualität der Gesundheitsversorgung mit robusten Methoden zu evaluieren und auf bestmöglicher Informationsbasis weiterzuentwickeln. In all diesen Aufgaben wird die EbM aktuell insbesondere durch die Pandemie herausgefordert, methodisch wie strukturell.

Nur sehr begrenzt liegt beispielsweise hochwertige wissenschaftliche Evidenz zu Themen des Pandemiemanagements vor, woraus sich, gepaart mit dem hohen zeitlichen Entscheidungsdruck, Fragen an geeignete Kriterien und Methoden für die zügige Synthese verfügbarer alternativer Wissensressourcen, z. B. in Form von „Rapid Reviews“, ergeben. Zugleich sind Forschungsarbeiten erforderlich, die auch unter den Bedingungen einer Pandemie wissenschaftlich robuste Erkenntnisse zu Nutzen und Schaden non-pharmakologischer, tief in die individuellen Grundrechte und die Gesellschaft eingreifender Maßnahmen generieren.

Die Pandemie, der technologische Wandel und die ökologischen Herausforderungen verändern nicht nur die Infrastruktur und die Prozesse der Gesundheitsversorgung, sondern berühren auch die Bewertung der Bedarfsgerechtigkeit und die Definition des Begriffs „Bedarf“. Beispielhaft genannt seien die gesundheitlichen Konsequenzen von Einschränkungen in der Regelversorgung während der Pandemie oder die Abwägung zwischen individuellen Bedürfnissen, Präferenzen und Konsequenzen auf der einen und den gesellschaftlichen Folgen auf der anderen Seite.     

Viele der Herausforderungen gelten generell für die Methoden der EbM in der Bewertung intendierter oder nicht intendierter Veränderungen in der Gesundheitsversorgung. Zunehmend wurden und werden neue Versorgungsformen konzipiert und erprobt, als Reaktion auf einen wahrgenommenen geänderten Versorgungsbedarf. Um über die Übernahme in die Regelversorgung zu entscheiden, bedarf es robuster Evaluationen. Hierfür steht ein etabliertes Methodeninventar zur Untersuchung komplexer Interventionen zur Verfügung, das weiterzuentwickeln ist und auch Anknüpfungspunkte für die Methoden der Qualitätssicherung bietet. Die Dynamik technologischer Entwicklungen, vor allem im Bereich der Künstlichen Intelligenz, lässt schon jetzt neue methodische Fragen für die Bewertung digitaler Technologien für die Gesundheitsversorgung erwarten.

All diese aktuellen Fragen sollen im Mittelpunkt der 23. Jahrestagung stehen. Ziel ist es, das Potenzial und die Relevanz der EbM als wissenschaftliche Grundlage für die Sicherung einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung zu verdeutlichen, nicht nur, aber insbesondere unter Berücksichtigung aktueller epidemiologischer, technologischer und ökologischer Herausforderungen.

Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (EbM)

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