11.03.2008

Workshop "Forschen und beforscht werden" vom 28. bis 29. Februar 2008 in Rheinsberg

Der von der DVfR und der Fürst Donnersmarck-Stiftung gemeinsam organisierte Workshop "Forschen und beforscht werden" in der Rehabilitation fand am 28. und 29. Februar 2008 in Rheinsberg statt. Das moderne und barrierefreie Tagungshotel "Haus Rheinsberg am See" bot für rund 60 Betroffene, Forscher und Praktiker aus dem Bereich Rehabilitation ein geeignetes Ambiente, um über ihre Erfahrungen und Erwartungen miteinander ins Gespräch zu kommen.

Auftakt

Zum Auftakt erklärte Wolfgang Schrödter, Geschäftsführer der Fürst Donnersmarck-Stiftung, das Engagement der Stiftung bei diesem Thema, das einerseits dem sozialpolitischen Satzungszweck und andererseits dem Verständnis der Stiftung als Innovationsträger entspricht. Die Stiftung unterstützt daher den Diskurs mit den Betroffenen zum Thema Forschung und erwartet von der Forschung einen vitalisierenden Effekt für Weiterentwicklungen und auch für neue Fragestellungen.

Im Anschluss daran schilderte Prof. Dr. Karl Wegscheider, Vorsitzender des Forschungsausschusses der DVfR, seine eigenen Erfahrungen mit Forschung als Beforschter und Objekt von Forschung sowie als Forscher unter dem treffenden Titel "Zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust". Er umriss damit die unterschiedlichen Perspektiven der an Forschung Beteiligten und machte das Spannungsfeld zwischen den unterschiedlichen Akteuren deutlich.
Dabei wies er darauf hin, dass der Forschungsausschuss der DVfR es sich zum Ziel gesetzt habe, die Chancen für eine Mitwirkung der Betroffenen in der Forschung auf den unterschiedlichsten Ebenen zu verbessern. Von dem auf dieser Tagung eingeleiteten Dialog verspreche er sich eine Klärung der Interessenlagen und Vorschläge für die weitere Vorgehensweise. Insofern stünden auf der Veranstaltung nicht so sehr Fragen der vorrangigen Forschungsthemen im Vordergrund, sondern Überlegungen dazu, wie die Kooperation zwischen den Beteiligten verbessert werden könnte.

Weitere Denkanstöße lieferten Christian Joachimi, Behindertenbeauftragter aus Bonn, aus der Sicht eines Betroffenen und Dr. Claudia Weiand, Rehabilitationsforscherin und Preisträgerin des Forschungspreises der Fürst Donnersmarck-Stiftung. Jörg Giesecke vom Sozialdienst der Unfallklinik Berlin referierte aus der Sicht eines Praktikers.

Arbeitsgruppen - 1. Runde

Der Workshop war auf Dialog ausgerichtet, und so wurde zunächst in unterschiedlich zusammengesetzten Gruppen und später im gesamten Teilnehmerkreis diskutiert.
Zu Beginn war es wichtig, dass sich die Menschen mit Behinderung, die Forscher und die Praktiker zunächst jeweils unter sich, d.h. mit Gleichbetroffenen bzw. Fachkollegen, über ihre Erfahrungen und Erwartungen austauschten, ihre Vorurteile sortierten und zusammentrugen, welche Wünsche sie an die jeweils anderen an Forschung beteiligten Gruppen haben. Bei der Zusammenstellung dieser ‚geschlossenen' Gruppen kam es vor, dass einige Teilnehmer ‚mehrere Hüte tragen konnten' und daher wählen mussten, welcher Gruppe sie sich am stärksten zugehörig fühlten.
Diese gruppenspezifischen Gesichtspunkte wurden dann im großen Auditorium mittels fishbowl-Diskussionsmethode inmitten der gesamten Teilnehmerschaft vorgetragen und diskutiert. Dabei kristallisierte sich heraus, dass die Diskussionen in den drei Gruppen aus jeweils unterschiedlicher Perspektive auf die selben drei wesentlichen Gesichtspunkte fokussierten: "Wie gehen wir miteinander um? (RESPEKT); Wie kommunizieren wir miteinander? (DIALOG); Wie können wir an Forschung/mit Forschung teilhaben? (PARTIZIPATION).

Vorträge

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung trugen Dr. Bärbel Kurth vom Robert-Koch-Institut Berlin und Prof. Heiner Raspe, Rehabilitationsforscher an der Universität Lübeck, interessante Gesichtspunkte aus dem Forscheralltag vor. Ihre Vorträge zu den Themen "Welchen Nutzen haben Gesundheitssurveys für Menschen mit Behinderung und chronischen Krankheiten" und "Wir planen eine klinische Studie" vermittelten den Teilnehmern mehr Einsicht in die Ziele, Aufgaben und Methoden, aber auch in Routinen und Strukturen der Forschung.

Arbeitsgruppen - 2. Runde

In der weiteren Gruppenarbeit sollte dann überprüft werden, inwieweit RESPEKT, DIALOG und PARTIZIPATION in der Forschung umgesetzt sind bzw. was zu verändern ist. Für diesen "Realitäts-check" wurden die Gruppen neu zusammengesetzt; diesmal hatten sich die Teilnehmer für eines der Themen zu entscheiden. Auch diese Gruppenergebnisse wurden im ‚fishbowl' mit allen Teilnehmern erörtert. Einige der angesprochenen Themen waren:

  • Dialog: Das bestehende gemeinsame Interesse von Forschern, Praktikern und Betroffenen, die Rehabilitationsforschung zu etablieren und weiter zu entwickeln, ist eine gute Basis für den Austausch zu Forschungsfragen. Um dieses Potential zu nutzen, sollte es auf verschiedenen Ebenen einen Dialog geben: bei der Zielbestimmung, Planung und Durchführung von Studien, bei der Ergebnisinterpretation und Praxisumsetzung, aber auch im persönlichen Umgang miteinander im Forschungsalltag. Dialog muss ‚auf Augenhöhe' stattfinden und auf dem Grundverständnis beruhen, dass man gemeinsam mehr erreichen kann.

  • Respekt: Respektvoller Umgang miteinander ist die Basis für eine gute Zusammenarbeit und ein ständiger Prozess, der viel Mühe kostet, weil die Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind (Wissen, sprachliche Fähigkeiten, Fachsprache, Hierarchie, Machtpositionen). Respekt kann nicht in jedem Fall vorausgesetzt werden; er muss daher auch immer wieder eingefordert werden.

  • Partizipation: Nicht nur Betroffene, sondern auch Forscher und Praktiker fühlen sich in Bezug auf Forschung fremdbestimmt durch die vorhandenen Strukturen, Rahmenbedingungen und Finanzsysteme. Sie alle haben daher ein Interesse, an Entscheidungen mehr beteiligt zu sein. Partizipation sollte zwei Gesichtspunkte berücksichtigen: Betroffene wollen an Forschung beteiligt sein und durch Forschung Teilhabe erlangen können. Partizipation findet auf der personellen Ebene statt, muss aber auch auf der institutionellen Ebene organisiert werden. Dafür sollten Strukturen geschaffen werden, die den Austausch und die Mitbestimmung fördern; dies muss auch finanziert werden. Gegenwärtig ist echte Partizipation im Sinne von Mitwirkung an Entscheidungsprozessen eher selten anzutreffen. Ein wichtiges Anliegen an die Forschung ist daher, dass sie sich nicht nur auf kurzfristige und eng umrissene Ziele orientiert, sondern die langfristige Teilhabe von Menschen (auch strukturübergreifend) im Blick hat.

Abschluss

Auf dem Workshop sind viele fruchtbare Ideen entwickelt worden. Besonders wichtige Anregungen waren:

  • Wir müssen zusammenarbeiten, um in der Rehabilitationsforschung erfolgreich zu sein, und wir müssen das Zusammenarbeiten lernen bzw. organisieren.

  • Grundvoraussetzung dafür ist gegenseitiger Respekt.

  • Der Nutzen von Forschung sollte immer begründbar sein. Rehabilitationsforschung ist dann sinnvoll, wenn sie auf den Erhalt bzw. die Verbesserung der Teilhabe und Lebensqualität der Menschen mit Behinderung zielt.

Der Workshop in Rheinsberg war ein wichtiges Treffen, von dem Forscher, Betroffene und Praktiker profitieren können. Prof. Wegscheider äußerte zum Abschluss: "Forschung für Menschen mit Behinderung ist ein so wichtiges Feld für alle Beteiligten, dass der gemeinsame Austausch darüber künftig auf verschiedenen Ebenen besser organisiert werden muss".

Diese Veranstaltung wird weitere Aktivitäten nach sich ziehen. Der Fachausschuss "Interdisziplinäre Rehabilitationsforschung" der DVfR wird darüber beraten, wie die für den Bereich der Rehabilitationsforschung gemeinsam entwickelten Ideen und Visionen für die Forschungspraxis nutzbar gemacht werden können.

Im Downloadbereich finden Sie die Vorträge des Workshops. Dr. S. Schliehe hat außerdem einen Bericht über den Workshop in der Zeitschrift DIE REHABILITATION, Heft 4 / 2008, veröffentlicht (siehe Download).
Darüber hinaus finden Sie hier einen Vortrag von Prof. Wegscheider vom 3.4.2008 in Erkner zum Thema "Patientenorientierung bei der Erforschung chronischer Krankheiten - eine (nicht nur) methodische Herausforderung", der auch Ergebnisse des Rheinsberger Workshops enthält.

Sämtliche hier abgebildeten Fotos wurden der DVfR freundlicherweise von der Fürst-Donnersmarck-Stiftung zur Verfügung gestellt. Auf der Website der Stiftung sind zahlreiche weitere Bilder vom Workshop und ein Hörbericht eingestellt (siehe folgender link).

www.fdst.de