15.02.2019

Themenheft „Menschen mit Behinderungen“ der Bundeszentrale für politische Bildung

Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in Deutschland hat die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) das Themenheft „Menschen mit Behinderungen“ in ihrer Reihe „Aus Politik und Zeitgeschichte“ herausgegeben.

Neben einem Rückblick auf fünf Jahrzehnte Behindertenbewegung und einer gesellschaftspolitischen Standortbestimmung setzen sich die Autorinnen und Autoren in sechs Aufsätzen kritisch mit Fragen der Pränataldiagnostik, Konzepten der Teilhabeforschung oder dem deutschen System von Förderschulen, Werkstätten und Wohnheimen vor dem Hintergrund der Ziele der UN-BRK auseinander.

„Fakt ist: Nur ein Teil der Gesellschaft schafft es bislang, den Auftrag der UN-BRK anzunehmen und praktisch umzusetzen, während gleichzeitig eine Reihe an gesellschaftlichen Kräften intendiert oder unbeabsichtigt dem Ziel einer inklusiven Gesellschaft entgegenarbeitet“, schreibt Valentin Aichele, Leiter der Monitoring-Stelle UN-BRK des Deutschen Instituts für Menschenrechte, in seinem Themenheft-Beitrag „Eine Dekade UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland“. Er zieht eine gemischte Bilanz: Gewiss hätte in einem Jahrzehnt der Umsetzung der UN-BRK mehr für Menschen mit Behinderungen erreicht werden können, beispielsweise beim barrierefreien Bauen oder bei der gesellschaftlichen Teilhabe. Gleichwohl habe die UN-BRK wichtige Entwicklungen angestoßen und sich als dauerhafter Maßstab für die Bewertung staatlichen Handelns etabliert. Sie habe Menschen mit Behinderungen in ihrem Selbstbewusstsein bestärkt und zum Handeln motiviert: „Es fällt leichter, ein Menschenrecht einzufordern als ein Almosen.“

Neue Ansätze in der Forschung

Elisabeth Wacker, Professorin für Diversitätssoziologie, setzt sich in ihrem Aufsatz „Leben in Zusammenhängen – Behinderung erfassen und Teilhabe messen“ mit Behinderung und Inklusion als Gegenstand der Teilhabeforschung im Kontext von UN-BRK, Internationaler Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) und einem Behinderungsbegriff im Wandel auseinander. Ihr Aufsatz geht von einer Teilhabeberichterstattung aus, die selbst in einem Veränderungsprozess steckt. Es bleibe ein Gebot der Stunde, sich mit neuen Forschungszugängen im Bereich Behinderung und Inklusion zu befassen.

„Im Gegensatz zu den ‚Mutterländern‘ der Disability Studies ist die wissenschaftliche Etablierung der Disability Studies in Deutschland noch nicht weit vorangeschritten“, betont auch Swantje Köbsell, Professorin für Disability Studies an der Alice Salomon Hochschule Berlin. In ihrem Beitrag für das Themenheft wirft sie einen Blick auf „50 behindertenbewegte Jahre in Deutschland“.

Weiterhin befasst sich die Autorin Julia Biermann in „Sonderpädagogisierung der Inklusion“ mit den Diskursen über die Entwicklung inklusiver Schulsysteme in Nigeria und Deutschland; die Sozialwissenschaftlerin Kirsten Achtelik thematisiert in ihrem Beitrag „Leidvermutung“ Pränataldiagnostik und das Bild von Behinderung. Abschließend beleuchten zwei Essays der Autoren Paddy Ladd und Tomas Vollhaber die Herausforderungen für den Wissenschaftszweig der Deaf Studies: „Kritik des Hörens. Zwei Perspektiven“.

bpb (Hrsg.), „Menschen mit Behinderungen“, 48 S., Bonn, 2019, Bestellnummer: 71906

Auch als PDF zum kostenfreien Download auf der Webseite der bpb:

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 6-7/2019): Menschen mit Behinderungen

(Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)