24.11.2021

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen: Mädchen und Frauen mit Behinderungen sind stärker betroffen

Anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen am 25. November weist Simone Fischer, die Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen in Baden-Württemberg, auf die besondere Betroffenheit von Mädchen und Frauen mit Behinderungen hin.

Studien und Berichte belegen, dass sie vielfach häufiger von Gewalt in jeglicher Form betroffen sind. Besonders berührt sind demnach gehörlose, blinde und körperbehinderte Frauen. Es passiere im öffentlichen Raum, in der eigenen Wohnung und in geschützten Einrichtungen. Häufig bleibe die Gewalt unentdeckt. Die Folgen der Corona-Pandemie habe die Lage von Frauen mit Behinderungen verschärft, so Fischer.

Durch die Studie „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland“ der Universität Bielefeld beauftragt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend liegen bereits seit 2012 repräsentative Daten über Gewalt gegen Frauen vor. Demnach erleben Frauen mit Behinderungen fast doppelt so häufig wie Frauen ohne Behinderungen körperliche Gewalt. Bei sexualisierter Gewalt im Erwachsenenleben sogar etwa zwei- bis dreimal häufiger als der weibliche Bevölkerungsdurchschnitt. Neben der direkten personalen Gewalt gegen Frauen mit Behinderung sind sie vielfältigen Formen von Diskriminierung und struktureller Gewalt ausgesetzt.

„Die betroffenen Frauen haben es wesentlich schwerer Hilfe zu finden, weil sie die Angebote nicht kennen oder sie nicht barrierefrei sind. Oftmals wird ihnen nicht geglaubt. Es braucht in jeder Hinsicht barrierefreie Beratungs-, Unterstützungsangebote und Frauenhäuser sowie ein barrierefreier Zugang zum Rechtssystem nach erlebter Gewalt,“ erläutert Fischer. In geschützten Einrichtungen brauche es zeitgemäße Schutzkonzepte, die transparent und verbindlich sind. Sie müssten gelebt werden, um Mädchen und Frauen mit Behinderungen zu stärken, sie zu schützen und Gewalt zu verhindern. Schutzkonzepte seien ein Merkmal von Qualität von Institutionen, die mit der Beteiligung von Menschen mit Behinderungen und Mitarbeitenden entwickelt und regelmäßig fortgeschrieben werden müssten, unterstreicht die Landesbeauftragte. Von großem Wert sei es, wenn Fachstellen in den Kommunen vor Ort und mit den Einrichtungen der Behindertenhilfe kooperieren, um Mädchen und Frauen sowie Mitarbeitende zu beraten, zu informieren und Fortbildungen anzubieten.

Die Vereinten Nationen haben Bund, Länder und Kommunen zuletzt verstärkt aufgefordert, Frauen mit Behinderungen gegen Gewalt und Missbrauch zu schützen. Der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen forderte im Rahmen der Staatenprüfung 2015 mit Blick auf Artikel 16 UN-Behindertenrechtskonvention (Freiheit von Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch), eine umfassende und wirksame Strategie zum Schutz von Frauen und Mädchen mit Behinderungen vor Gewalt und Missbrauch zu entwickeln. In diesem Zuge sind auch die unabhängige externe Überwachung des Gewaltschutzes und die unabhängige Bearbeitung von Beschwerden in Einrichtungen sicherzustellen.

In Deutschland leben etwa fünf Millionen Frauen mit Behinderungen in Privathaushalten und rund 80.000 in besonderen Wohnformen der Behindertenhilfe. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist 24 Stunden erreichbar. Es bietet in Notsituationen Beratung in 17 Sprachen, auch in leichter Sprache und Gebärdensprache. Die Nummer lautet: 08 00 01 16 01 6
 

Weitere Informationen

Studie "Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland“ der Universität Bielefeld

(Quelle: Beauftragte der Landesregierung Baden-Württemberg für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauen- und Gleichstellungsbeauftragter)