06.11.2007

Fachtagung „Beschäftigung nachhaltig sichern! Strukturen und Prozesse für erfolgreiche betriebliche Prävention“ am 30.11.2007 in Bremen

Die Fachtagung "Beschäftigung nachhaltig sichern! Strukturen und Prozesse für erfolgreiche betriebliche Prävention" zog am 30.11.2007 über 320 Teilnehmende aus Großunternehmen, Klein- und Mittelbetrieben, aus Institutionen, von Sozialversicherungen und Anbietern von Gesundheits-/Rehabilitationsleistungen nach Bremen in das Maritim Congress Centrum.

Nunmehr zum vierten Mal seit 2004 veranstaltete die Deutsche Vereinigung für Rehabilitation (DVfR) in Kooperation mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales eine Tagung zum Schwerpunkt betriebliche Prävention im Rahmen der Initiative "job - Jobs ohne Barrieren".

Im Vordergrund stand diesmal, wie ein betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) im Betrieb sinnvoll mit vorhandenen Strukturen vernetzt und eine vertrauensvolle Kultur des Umgangs mit leistungsgewandelten Mitarbeitern entwickelt werden kann. Für Klein- und Mittelunternehmen wurden Wege aufgezeigt, wie mit Unterstützung der Sozialleistungsträger und Dienstleister nachhaltige Hilfestrukturen in der Region entstehen können, damit ein BEM auch für dort tätige Mitarbeiter wirksam durchgeführt werden kann. Denn längst ist klar, dass erfolgreiche Strategien für den Erhalt des Arbeitsplatzes und der Beschäftigungsfähigkeit sich nicht allein auf gute Absichten und einzelne Aktionen gründen, sondern vielmehr das Ergebnis von zielgerichteten und koordinierten Maßnahmen sind. Über solche Erfahrungen wurde in den Vorträgen und bei den Informationsständen der INFO-BÖRSE berichtet.

Die Tagung wurde von Dr. Friedrich Mehrhoff (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, Mitglied des DVfR-Hauptvorstandes) geleitet. Er hob in seinem Eröffnungsbeitrag hervor, dass "return to work"-Strategien ein Wettbewerbsfaktor für Unternehmen weltweit sind und auch in Deutschland Arbeitgeber zunehmend ihre gesetzliche Pflicht zur betrieblichen Prävention erkennen, nicht zuletzt seit dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom 12.7.2007. Veranstaltungen wie diese tragen dazu bei, voneinander zu lernen. Jedoch gebe es nicht "die einzige gute" Lösung für ein erfolgreiches BEM in den Unternehmen. Die vorhandenen betrieblichen Strukturen und Bedingungen erfordern Kreativität, gute Kontakte zu betriebsinternen und -externen Partnern und auch Methodenkenntnisse, um ein funktionierendes BEM zu gestalten. Als Moderatoren wirkten Ingo Nürnberger (DGB/BAR)) und Gert Nachtigal (BDA/BAR) mit.

Das Grußwort der Freien Hansestadt Bremen überbrachte Dr. Jochen Eckertz , Abteilungsleiter für den Bereich Arbeit beim Senat für Arbeit, Frauen, Gesundheit und Soziales.

Der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminster für Arbeit und Soziales Franz Thönnes , MdB, stellte die Chancen, aber auch Herausforderungen des demographischen Wandels für die Unternehmen und Gesellschaft dar. Die bereits abgeschlossenen Projekte der Initiative "job - Jobs ohne Barrieren" zur Stärkung der betrieblichen Prävention haben dabei nicht nur die Wirksamkeit eines BEM belegt, sondern zeigen auch den weiterhin großen Bedarf der Unternehmen an Informationen und Hilfestellung. Deshalb werde die Initiative auch bis mindestens Ende 2010 fortgeführt. Interessierte können sich wieder mit Modellprojekten oder der Vorstellung von "Best-Practice-Beispielen" an der Initiative beteiligen.

Großes Interesse zog auch der Vortrag von Prof. Juhani Ilmarinen vom Finnischen Institut für berufliche Gesundheit zum Thema "Wert der Arbeit als Wettbewerbsfaktor" auf sich. In Bezug auf die auch in Finnland bestehenden demographischen Herausforderungen berichtete er über gemeinsame Strategien der Sozialpartner auf der Ebene Individuum, Unternehmen und Gesellschaft, die z.B. als ‚Age Management Training' vermittelt werden. Als wichtige Lösungsansätze im Betrieb beschrieb er Verbesserungen bei der Arbeitsorganisation und beim Führungsverhalten.

Betriebliche Prävention - eine Einheit

Friedrich Kellersmann, Hauptabteilungsleiter Recht, Personal und Allgemeine Verwaltung der Stadtwerke Münster, berichtete über Methoden und Ergebnisse des koordinierten und strukturierten Handelns beim BEM in seinem Unternehmen, in dem über 1000 Mitarbeiter beschäftigt sind. Prof. Dr. Christian Rexrodt, Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg und Geschäftsführer der MundA GmbH in Essen, stellte ein gut funktionierendes Netzwerk von Dienstleistungen für Klein- und Mittelunternehmen in Oberhausen vor, in dem interessierte Unternehmen der Region zusammenfinden. Es wurde durch die Initiative "job - Jobs ohne Barrieren" als Modellprojekt finanziell unterstützt und nach dem Ablauf der Förderung in eine feste Arbeitsgruppe überführt. Bei Bedarf können dort interdisziplinär vorhandene Kompetenzen abgerufen und auch die Unterstützung der Reha-Träger bzw. des Integrationsamtes hinzugezogen werden. Die Erfahrungen des Netzwerks zeigen, dass kleinere Unternehmen besser über regionale Aktionen und über die Ansprache durch betriebsnahe Institutionen oder Netzwerke, in denen sich Unternehmer freiwillig und aus eigenem Interesse engagieren, für die Belange des Eingliederungsmanagements und der Gesundheitsförderung sensibilisiert werde können. Als wichtigen Grundsatz hob er hervor, die Beschäftigten bei allen Aktivitäten einzubeziehen und nicht über Köpfe hinweg zu agieren. Dass beim BEM die Erfahrungen und Kompetenzen aus dem Bereich Arbeits- und Gesundheitsschutz synergetisch genutzt werden sollten, unterstrichen Dr. Bettina Meyer und Reinhard Gronau vom Fachdienst für Arbeitsschutz Bremen in ihrem Vortrag. Hier knüpfte Dr. Annette Gäßler, Arbeitsmedizinerin bei Airbus Deutschland, an, indem sie den Arbeits- und Gesundheitsschutz als Basis eines erfolgreichen Wiedereingliederungsmanagements herausstellte. Alle Aktivitäten sind um so erfolgreicher, je mehr sie Eingang in Managementprozesse finden und durch Führungskräfte mitgetragen werden. Airbus Deutschland hat seit Jahren entsprechende Unternehmensziele formuliert und eine fördernde Arbeits- und Führungskultur entwickelt. Durch Betriebsärzte als professionelle Partner beim BEM wurden viele Präventionsmaßnahmen initiiert, die an konkreten Bedarfen und Lebensumständen der Mitarbeiter ansetzen. Es wurden Methoden entwickelt, die Ausfallzeiten bei Krankheit so kurz wie möglich zu halten und notwendige Maßnahmen, z.B. Rehabilitation, frühzeitig einzuleiten. Ein Ziel ist dabei, die Mitarbeiter auch zu Eigeninitiative zu motivieren.

Nur mit Vertrauen gelingt Eingliederung

Ein Netzwerk für das Kfz-Gewerbe stellte Evelyn Jürs, Geschäftsführerin der Berufsgenossenschaft Metall Nord Süd, Bezirksverwaltung Hamburg, vor, in dem Krankenversicherung, Rentenversicherung, Gesetzliche Unfallversicherung sowie Arbeitsmediziner und Unternehmen mit dem Ziel zusammenarbeiten, betriebliche Managementprozesse bei der Gesundheitsförderung und Eingliederung zu entwickeln und zu verbessern. Als Vorteil empfinden die beteiligten Kfz-Betriebe die klaren Zuständigkeiten durch einen bzw. wenige Ansprechpartner, die ihrerseits andere Partner hinzuziehen. Erfolgversprechend sind vor allem anlassbezogene Beratung und ein notwendiges Maß an Vertrauen. Nicht ausreichend geklärt ist die Kostenübernahme für BEM-Dienstleistungen. Über ein betriebsinternes Netzwerk der R+V Versicherung berichtete Karin Engel. In Ihrem Vortrag hob sie hervor, dass Unternehmen und Mitarbeiter nicht nur von Gesundheitsnetzwerken profitieren, sondern auch bei anderen Problemsituationen Hilfe und Unterstützung durch die betriebliche Sozialberatung bzw. dort koordinierte Netzwerke erhalten. Bei der Durchführung von BEM ist nach ihren Erfahrungen neben guten Strukturen und Prozessabläufen die Empathie des Beraters sehr wichtig, die Vertrauen schafft. Johannes Magin, Diplom-Psychologe, Berater und Projektentwickler für BEM in Unternehmen der Autoindustrie, machte in seinem Beitrag deutlich, dass Freiwilligkeit der Teilnahme am BEM und Sicherheit der erhobenen Daten zu beachten sind. Er erläuterte anhand eines Gesprächsleitfadens, wie die Erstansprache, der Gesprächsverlauf bis zum Konsens zielführend gestaltet werden können. Sein Fazit: Betriebe, die BEM erfolgreich mit einem leistungsgerechten Einsatz der Mitarbeiter abschließen, haben BEM-Ziele definiert und für das BEM einen guten Prozessablauf gestaltet. Sie informieren ihre Beschäftigten und regeln das BEM in einer Dienst- oder Betriebsvereinbarung. Michael Schweiger, Geschäftsführer der ARINET GmbH Hamburg, einem Arbeitsintegrationsnetzwerk, berichtete über Hilfen bei psychischen Erkrankungen, die gegenwärtig aufgrund vieler betrieblicher und außerbetrieblicher Einflussfaktoren zahlenmäßig zunehmen. Die Erkennung der Erkrankung und Ansprache der Betroffenen ist ein schwieriges Feld, oft mit Unkenntnis und Hilflosigkeit verbunden. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig professionelle Hilfe einzubinden. Ebenso wichtig ist es, bereits im Vorfeld das Entstehen psychischer Erkrankungen zu verhindern und dafür innerbetriebliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Auf der Suche nach geeigneten Partnern

Die Integrationsämter sind ein wichtiger Partner für Menschen mit Behinderung und deren Arbeitgeber. Walter Pohl, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH), berichtete über die Leistungen der Integrationsämter zur Sicherung von Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung. Im Rahmen des BEM übernehmen sie präventive Unterstützungsaufgaben für alle Beschäftigten im Unternehmen. Die Integrationsämter haben sich darauf eingestellt, dass Klein- und Mittelunternehmen (KMU) besondere Unterstützung bei der Einführung von BEM und bei der Entwicklung von Standards benötigen. Als Vorsitzender eines noch sehr jungen Berufsverbandes, des Vereins der zertifizierten Disability-Manager, erläuterte Helmfried Hauch die Anliegen seines Verbandes. Die gut ausgebildeten Disability-Manager sind ausgewiesene Experten für BEM und agieren sowohl betriebsintern als auch bei der Verzahnung interner und externer Akteure. Gerade in KMU, die sich keine eigenen Bereiche der betrieblichen Gesundheitsförderung leisten, können sie die notwendigen Maßnahmen sehr gut durchführen und koordinieren. Martin Bsdurek , Schwerbehindertenvertreter der Stadt Bochum, berichtete über die Einführung von BEM im öffentlichen Dienst. Der Erfolg der Maßnahmen hängt im Wesentlichen davon ab, wie die Akzeptanz bei den Beschäftigten und Führungskräften hergestellt werden kann. Flexible Konzepte statt neuer bürokratischer Strukturen, qualifizierte Akteure und vertrauensvolle Zusammenarbeit sind Garanten für die Nachhaltigkeit der Verfahren und fördern die Zufriedenheit der Beschäftigten. Die sog. Clearingstelle und ein betriebliches Integrationsteam übernehmen wichtige Aufgaben im Rahmen des BEM. Harald Kaiser, Institut für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation GmbH, München, leitet das bundesweite Projekt "Gesunde Arbeit", welches das Ziel verfolgt, regionale Netzwerkstellen für kleine Unternehmen zu schaffen, die KMU in allen Belangen der betrieblichen Gesundheitsförderung, des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und des BEM ganzheitlich und nachhaltig beraten und unterstützen. Die regionalen Netzwerkstellen sollen als Anlaufstelle für Betriebe fungieren und die vorhandenen Angebote und Kompetenzen der Sozialleistungsträger, und -dienste nutzbar machen. Sie wollen Lotse im unübersichtlichen Wirrwar der Zuständigkeiten sein und bedarfsgerecht, lösungs- und kundenorientiert für die KMU Dienstleistungen erbringen. Im Rahmen des Projekts zu lösende Aufgaben werden die Entwicklung von Leistungskatalogen und Qualitätsstandards sowie die Schaffung einer nachhaltigen Finanzierung der Netzwerke sein.

Zwischen den Vortragsblöcken gab es genügend Zeit für den Besuch der Info-Börse. Hier nutzten die Teilnehmer die Möglichkeit, eigene Anliegen für die Gestaltung eines betrieblichen Eingliederungsmanagements mit den Experten an den Informationsständen zu diskutieren.

Die Kurzfassungen der Vorträge und der Präsentationen der Infobörse können im Tagungsreader nachgelesen werden. Darüber hinaus sind einige Vorträge in der Langfassung hier als Download eingestellt:

Dokumente zur Tagung

Tagungsreader

Downloads der Referentenbeiträge

Vortrag von Juhani Ilmarinen, Finnish Institute of occupational health, Helsinki
Vortrag von Juhani Ilmarinen

Vortrag von Friedrich Kellersmann, Vorstand Recht und Personal, Stadtwerke Münster GmbH
Vortrag von Friedrich Kellersmann

Vortrag von Prof. Dr.-Ing. Christian Rexrodt, Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg/MundA GmbH
Vortrag von Prof. Dr.-Ing. Christian Rexrodt

Vortrag von Dr. Annette Gäßler, Airbus Deutschland
Vortrag von Dr. Annette Gäßler

Vortrag von Evelyn Jürs, BG Metall Nord-Süd
Vortrag von Evelyn Jürs

Vortrag von Karin Engel, R+V Versicherung
Vortrag von Karin Engel

Vortrag von Johannes Magin, Diplom-Psychologe
Vortrag von Johannes Magin

Vortrag von Michael Schweiger, ARINET GmbH, Hamburg
Vortrag von Michael Schweiger

Vortrag von Helmfried Hauch, Verein der zertifizierten Disability Manager Deutschland, Berlin
Vortrag von Helmfried Hauch

Vortrag von Martin Bsdurek, Schwerbehindertenvertrauensmann der Stadt Bochum
Vortrag von Martin Bsdurek

Vortrag von Harald Kaiser, IQPR
Vortrag von Harald Kaiser

Vortrag von Dr. Bettina Meyer / Reinhard Gronau, Fachdienste für Arbeitsschutz
Vortrag von Dr. Bettina Meyer / Reinhard Gronau