07.07.2005

Betriebliche Prävention - was tun? - Bericht zur Tagung vom 01.07.2005 in Berlin

Im Berliner Ludwig Erhard Haus fand am 01.07.2005 die dritte Schwerpunktveranstaltung der Initiative "job - Jobs ohne Barrieren" zu Thema "Betriebliche Prävention - was tun?" statt.

Die Initiative "job" wird vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung koordiniert und zusammen mit Partnern, die Verantwortung für die Teilhabe behinderter und schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben tragen, durchgeführt. "Jobs ohne Barrieren" will informieren und beispielhaft darstellen, wie Personalverantwortliche und Mitglieder der Interessenvertretungen der Beschäftigten sowie weitere betriebliche Akteure durch Kooperation Möglichkeiten zur Verbesserung der Ausbildungs- und Beschäftigungssituation behinderter und schwerbehinderter Menschen und der betrieblichen Prävention schaffen und nutzen können. Weitere Informationen zur job-Initiative finden Sie auf den Internetseiten des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung.

www.jobs-ohne-barrieren.de

Die Tagung, die durch die Deutsche Vereinigung für die Rehabilitation (DVfR) organisiert wurde, bot ein Forum für den intensiven Austausch zum neuen Handlungsfeld der betrieblichen Prävention, das im SGB IX § 84 seit Mai 2004 als Aufgabe der Unternehmen festgeschrieben ist. Ziel der Berliner Tagung war es, vor allem Klein- und Mittelbetrieben Informationen an die Hand zu geben, wie ein betriebliches Eingliederungsmanagement organisiert werden kann und welche Partner dabei unterstützend einbezogen werden können. 16 praxisbezogene Vorträge und auch eine Info-Börse mit 20 Informationsständen von Verbänden und Anbietern sozialer Dienstleistungen bestimmten das Programm der Tagung.

Zu den über 350 Teilnehmern der Tagung zählten Personalverantwortliche und Arbeitnehmervertretungen, Betriebsärzte, Vertreter von Arbeitgeberverbänden, Sozialverbänden, Gewerkschaften und Kammern, Politikvertreter sowie Experten von Versicherungen und Anbieter von Gesundheits-/Rehabilitationsleistungen.

Die Tagung wurde von Dr. Friedrich Mehrhoff (Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, Mitglied der DVfR-Hauptvorstandes) geleitet. In seinem Eröffnungsbeitrag betonte er, dass die gesetzliche Regelung zur betrieblichen Prävention nach § 84 SGB IX die gemeinsame Verantwortung der Sozialpartner herausfordert und die Rechtsbeziehungen in der sozialen Sicherung verändert, da die Arbeitgeber als Akteure nun zusätzlich einbezogen sind. Demzufolge gilt es, neue Formen der Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten, den Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Sozialleistungspartnern, zu entwickeln.

Frau Ministerialdirigentin Karin Knufmann-Happe, Leiterin der Abteilung für die Belange behinderter Menschen im Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS), begründete die Notwendigkeit betrieblicher Prävention anhand absehbarer demographischer und ökonomischer Entwicklungen. Diesen Herausforderungen müssen die Unternehmen, Sozialleistungsträger und weitere Beteiligte mit betriebsspezifischen Konzepten begegnen.

Peter Clever von der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) unterstrich, dass die BDA alles tun werde, um die gesundheitsfördernden Absichten und Ziele, die mit dem betrieblichen Eingliederungsmanagement verfolgt werden, nachhaltig zu unterstützen. Gleichzeitig wandte er sich vehement gegen die "Verrechtlichung" im Bereich der Gesundheitsprävention und forderte, diese aus Sicht der BDA untaugliche und im Ergebnis kontraproduktive Rechtsvorschrift abzuschaffen.

Dem widersprach Wolfgang Zimmermann vom National Institute of Disability Management and Research (NIDMAR, Kanada), denn nach seinen Erfahrungen seien nirgendwo auf der Welt bisher umfassende betriebliche Präventionsmaßnahmen ohne gesetzlichen Zwang umgesetzt worden. Er berichtete über internationale Aspekte von Disability Management im Betrieb und hob hervor, dass gesetzliche Vorgaben, methodische Entwicklungen und betriebliche Verantwortung und Initiativen Hand in Hand gehen müssen, um betriebliche Prävention erfolgreich zu etablieren. Solche Standards sind inzwischen in einigen Ländern übernommen worden, z. B. in Groß Britannien, Australien, Kanada, Holland und Deutschland.

In den folgenden Kurzvorträgen wurde über konkrete Angebote für Unternehmen berichtet. Dabei wurde vor allem auf die besonderen Bedingungen in Klein- und Mittel-unternehmen Bezug genommen, die in der Regel nicht über eigene Strukturen und Kompetenzen für ein Gesundheitsmanagement verfügen und deshalb auf die besondere Unterstützung durch die Sozialleistungsträger und soziale Dienste angewiesen sind. Die Referenten kamen aus Unternehmensberatungen, die sich auf Dienstleistungen rund um das Gesundheitsmanagement spezialisiert haben, wie O & P Consult, Heidelberg, Munda GmbH, Essen, und das Institut für Prävention und Rehabilitation (IQPR) in Köln. Sehr anschaulich berichteten Unternehmensvertreter der Berliner Stadtreinigung (BSR) und von der GERA Chemie GmbH in Oberhausen, wie sie eigenes Know-how für ein betriebliches Eingliederungsmanagement entwickelten bzw. wie sie dabei durch Experten unterstützt wurden. Eine Vertreterin der Gewerkschaften wies in ihrem Beitrag darauf hin, neben funktionierenden Strukturen eines betrieblichen Eingliederungsmanagements vor allem die freiwillige Mitwirkung der Betroffenen und der Datenschutz sichergestellt werden müssen.

Die Betriebs- und Werksärzte sind wichtige Partner für die Unternehmen beim betrieblichen Eingliederungsmanagement, da sie an der Nahtstelle zwischen medizinischen Behandlungserfordernissen und konkreten Gefährdungspotenzialen am Arbeitsplatz wirken. Für individuelle Maßnahmen, wie zum Beispiel die stufenweise Wiedereingliederung von gesundheitlich eingeschränkten Mitarbeitern, organisieren sie ein Netzwerk aus betrieblichen Akteuren, behandelnden Ärzten und Gesundheitsdiensten. Wie erfolgreich die durch den Betriebsarzt koordinierten Maßnahmen in seinem Fall waren, darüber berichtete ein Werksfeuerwehrmann aus Heide , der nach schwerer Erkrankung und Rehabilitation trotz sehr ungünstiger Prognose an seinem Arbeitsplatz weiterbeschäftigt werden konnte.

Weitere Beiträge gaben darüber Auskunft, welche Dienstleistungen von den Sozialleistungsträgern, Rehabilitationseinrichtungen und -diensten für Unternehmen bei Bedarf in allen Regionen abrufbereit zur Verfügung stehen. Es berichteten Vertreter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK), der Rentenversicherung, der Integrationsämter und Integrationsfachdienste sowie der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Berufsförderungswerke. Dass auch die Unternehmen und ihre Verbände selbst aktiv sind, wurde in einem Beitrag der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) vorgestellt.

Zwischen den Vortragsblöcken gab es genügend Zeit für den Besuch der Info-Börse. Hier nutzten die Teilnehmer die Möglichkeit, eigene Anliegen für die Gestaltung eines betriebliches Eingliederungsmanagements mit den Experten an den Informationsständen zu diskutieren.

Der Vorsitzende der DVfR, Prof. Dr. Dr. Paul W. Schönle, appellierte zum Abschluss dieser Tagung der job-Initiative an die Unternehmen, nicht auf das Fähigkeitspotential von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und Behinderungen zu verzichten und betriebliche Präventions- und Eingliederungsmaßnahmen durchzuführen. "Länger gesünder arbeiten" ist das Ziel, wofür es sich lohnt gemeinsam zu wirken!

In einem Tagungsreader wurden die Kurzfassungen der Vorträge und der Präsentationen der Info-Börse zusammengefasst (siehe Download).

Positive Resonanz
Aufgrund der vielfachen Resonanz von Teilnehmern, Mitwirkenden und Ausstellern zieht die DVfR eine positive Bilanz dieser Veranstaltung, die ein breites Spektrum an Informationen darüber bot, was zu tun ist, um ein wirksames Eingliederungsmana-gement in den Betrieben zu organisieren.

Wegen der anhaltend großen Nachfrage wird diese Tagung am 18. November 2005 in Berlin wiederholt. Programminformationen und Anmeldehinweise finden Sie auf dieser Webseite in der Rubrik Veranstaltungen.

Tagung der DVfR am 18.11.05

Praxisratgeber „Betriebliches Eingliederungsmanagement – Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern sichern“

Die wesentlichen Inhalte der Tagung am 1.7.2005 werden zudem in einem Praxisratgeber "Betriebliches Eingliederungsmanagement - Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern sichern" veröffentlicht, der beim Gentner-Verlag, im Herbst 2005 erscheinen wird (ISBN 3-87247-672-6; Bestellformular: siehe Download).