05.11.2008

Bericht über den Workshop „Selbstbestimmung und Selbstverantwortung in der beruflichen Rehabilitation“ vom 28.-29.10.08

Zu einem Dialog zwischen allen Beteiligten im beruflichen Rehabilitationsprozess hatten die Deutsche Akademie für Rehabilitation, die Deutsche Vereinigung für Rehabilitation (DVfR) und die Fürst Donnersmarck-Stiftung (FDST) am 28. und 29. Oktober 2008 rund 60 Personen in das Rheinsberger Hotel am See geladen.

 

 

Die Selbstbestimmung behinderter und von Behinderung bedrohter Menschen ist in der Rehabilitation ein gesetzlich verankertes Leitziel (Sozialgesetzbuch IX). Menschen mit Behinderungen haben - wie alle Menschen - ein Recht darauf, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Selbstbestimmung stellt jedoch nicht nur für Rehabilitationsträger und Leistungserbringer eine Herausforderung dar, sondern auch für den Leistungsberechtigten, der nicht passiv konsumierend, sondern durch eigene Aktivität und Initiative Selbstbestimmung realisiert. Der Workshop ging nun der Frage nach, wie viel Selbstbestimmung in der beruflichen Rehabilitation möglich ist.

40 Rehabilitanden aus verschiedensten Einrichtungen und ambulanten Bereichen der beruflichen Rehabilitation diskutierten im Rahmen der Veranstaltung mit 20 Fachleuten von Leistungsträgern und Leistungserbringern sowie den Mitgliedern der wissenschaftlichen Fachgruppe RehaFutur. Alle waren hochmotiviert, sich zu diesem spannenden Thema auszutauschen und herauszufinden, worauf es den Leistungsberechtigten in Bezug auf Selbstbestimmung und Selbstverantwortung ankommt und welche Rahmenbedingungen zukünftig in der beruflichen Rehabilitation erforderlich sind, damit die Leistungsberechtigten stärker selbstverantwortlich agieren können.

Nach einer kurzweiligen Kennenlern-Runde der Teilnehmer und einer Einführung durch Prof. Hans-Peter Riedel, Leiter der Deutschen Akademie für Rehabilitation, wurden die Themen in moderierten Arbeitsgruppen und auch im gesamten Teilnehmerkreis erörtert. Eine erste Arbeitsrunde hatte das Ziel, dass die Rehabilitanden in drei eigenen Arbeitsgruppen und die Rehabilitationsexperten in einer separaten Arbeitsgruppe ihre Erfahrungen und Wünsche zum Thema jeweils "unter sich" artikulierten, bevor der Meinungsbildungsprozess am Folgetag in gemischten Arbeitsgruppen aus Rehabilitanden und Rehafachleuten fortgesetzt wurde. Die Ergebnisse der Gruppen wurden im gesamten Auditorium vorgestellt, und hier gelang es dem Moderator Reinhold Jost mit der sogenannten "Fishbowl-Methode" sehr gut, die Ergebnisse der einzelnen Gruppen nicht nur vortragen zu lassen, sondern alle Teilnehmer in die Diskussion einzubeziehen.

Obwohl mit diesem Veranstaltungskonzept "Dialog der Akteure in der Rehabilitation" nahezu Neuland betreten wurde - die DVfR und die FDST hatten im Februar 2008 eine ähnliche Veranstaltung zum Thema Rehabilitationsforschung durchgeführt -, waren die Ergebnisse sehr eindeutig und überzeugend. Vorab einer vertiefenden Ergebnisauswertung können bereits einige wichtige Diskussionspunkte genannt werden:

  • Die im Gesetz verankerte eigenverantwortliche Beteiligung der Leistungsberechtigten ist bisher in der Praxis überwiegend nicht realisiert. Betroffene Menschen haben sowohl beim Zugang zur beruflichen Rehabilitation als auch im Reha-Prozess kaum Möglichkeiten, selbstbestimmt mitzuwirken. Ihre eigenen Vorstellungen werden zu wenig berücksichtigt, und sie werden in vorhandene Rehabilitationsstrukturen "eingepasst".

  • Die Leistungsberechtigten wollen nicht als Bittsteller behandelt werden. Sie sehen die berufliche Rehabilitation als Chance, ihre persönliche Zukunft zu gestalten, und wollen sich dabei entsprechend engagieren. Dafür fordern sie frühzeitige und umfassende Informationen über das Rehasystem, nur dann können sie eigene Entscheidungen treffen und motiviert mitwirken.

  • Je nach Leistungsträger sind der Zugang und die Beratung zur beruflichen Rehabilitation sehr unterschiedlich. Die Abläufe weisen teilweise erhebliche Schwächen auf, wie: Fehlen frühzeitiger Reha-Informationen (bereits am Krankenbett), Zuständigkeitswirrwarr, zu wenige Berater (langfristige Termine, kurze Beratungszeiten), teilweise mangelhafte Beraterkompetenz, keine wertfreie Aufklärung über das gesamte Spektrum der beruflichen Reha-Möglichkeiten, vorschnelle Orientierung auf vorgefassten Weg usw.

  • Die Leistungsberechtigten vermissen neben funktionierenden Beratungsstrukturen vor allem auch den Austausch mit Gleichbetroffenen. Ein informelles Netzwerk, in dem Reha-Erfahrene andere Betroffene beraten, ist nicht durch Expertenberatung zu ersetzen, kann diese jedoch sinnvoll ergänzen. Der Zugang zu einem solchen Netzwerk sollte über die Beratungsstrukturen der Rehabilitationsträger frühzeitig möglich sein.

Die Wissenschaftlergruppe RehaFutur (ein Projekt der Deutschen Akademie für Rehabilitation) wird die Ergebnisse des Workshops umfassend analysieren und bei der Erarbeitung von Zukunftsperspektiven für die berufliche Rehabilitation berücksichtigen.

Bei allen Beteiligten erwies sich der "Dialog der Akteure" als Erfolg. Dazu trugen die sehr engagierten und diskussionsbereiten Teilnehmer mit ihren Erfahrungen und Ideen ebenso bei wie die gute Moderation durch Mitarbeiter der Fürst Donnersmarck-Stiftung und die angenehme Atmosphäre im barrierefreien Tagungshotel der FDST in Rheinsberg. Es wurde verabredet, diesen Austausch fortzusetzen und dafür nach Ressourcen zu suchen. Darüber hinaus wird sich die DVfR für ein Projekt "Beratungsnetz durch Betroffene - (Rehapilot)" einsetzen.

Weitere Fotos und den Bericht über die Veranstaltung finden Sie auf der Internetseite der Fürst Donnersmarck-Stiftung unter folgendem Link:

Bericht und Fotos FDST

Einen weiteren Bericht über die Veranstaltung können Sie in Kobinet unter folgendem Link nachlesen:

Bericht Kobinet