Prof. Dr. med. Konrad Biesalski

(* 14. November 1868 in Osterode/Ostpreußen - † 28. Januar 1930 in Berlin)

Arzt für orthopädische Chirurgie, Gründungsdirektor und Ärztlicher Leiter des Oskar-Helene-Heims, Berlin

Konrad Biesalski

Als „Vater der modernen Krüppelfürsorge“ bezeichnete Hohmann 1968 Konrad Biesalski, den rastlosen Promotor eines auf Körperbehinderte ausgerichteten, nicht zuletzt nationalökonomisch motivierten Fürsorgekonzepts, das mit adäquater medizinischer Behandlung und beruflicher Förderung die Erwerbsbefähigung der Betroffenen zu erzielen suchte.

Nach dem Abitur 1887 in Rastenburg/Ostpreußen studierte Konrad Biesalski bis 1894 an den medizinischen Fakultäten in Halle und Berlin. Nach seiner Promotion 1896 in Leipzig arbeitete er als chirurgischer Assistenzarzt am Städtischen Krankenhaus Am Urban in Berlin, zwischen 1899 und 1901 sammelte er Erfahrungen als Volontärarzt an der Kinderklinik der Charité sowie an der Orthopädischen Privatklinik Prof. Albert Hoffas in Würzburg. Nach seiner Rückkehr ließ sich Biesalski 1901 in Berlin-Kreuzberg als praktischer Arzt mit dem Schwerpunkt Pädiatrie nieder. Als Schularzt vieler von Poliomyelitis, Skoliose und Rachitis gezeichneter Patienten begann er sich intensiv mit Gesundheitspflege und Sozialhygiene auseinanderzusetzen. Gleichzeitig kam er als Mitglied im „Freiwilligen Erziehungsbeirat für schulentlassene Waisen“ mit konfessioneller und privater Wohltätigkeit in Berührung.

Rhetorisches Talent, Durchsetzungsvermögen und Kontakte zu einflussreichen Berliner Persönlichkeiten halfen Biesalski bei seinen Bemühungen, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die medizinische und soziale Notlage körperbehinderter Kinder und Jugendlicher zu lenken. Mit Unterstützung des Industriellenehepaares Oskar und Helene Pintsch sowie des Preußischen Ministerialbeamten Eduard Dietrich rief er 1905 den „Krüppel-Heil- und Fürsorge-Verein für Berlin-Brandenburg“ ins Leben. Er gewann Dietrich für die Idee, im Oktober 1906 eine reichsweite Krüppelzählung durchzuführen, um die Zahlen heim- bzw. nichtheimbedürftiger Krüppel bis 16 Jahren zu ermitteln und so die Notwendigkeit einer organisierten Fürsorge zu belegen.

Ende 1906 schuf Biesalski eine zunächst kleine Einrichtung, die sich unter seiner Leitung nach dem Umzug nach Berlin-Dahlem 1914 als „Oskar-Helene-Heim“ zu einer Modellanstalt der modernen Krüppelfürsorge entwickelte. Auf Biesalskis und Dietrichs Initiative wurde im April 1909 die Deutsche Vereinigung für Krüppelfürsorge, die Mediziner, Pädagogen, Theologen und Verwaltungsbeamte einbinden sollte, als Dreh- und Angelpunkt aller an der Krüppelfürsorge beteiligten Kreise gegründet. Als treibende Kraft und Schriftführer der Deutschen Vereinigung sowie als Redakteur der „Zeitschrift für Krüppelfürsorge“ hielt Biesalski die organisatorischen und propagandistischen Fäden in der Hand – die Krüppelfürsorge bestimmte derart seinen Lebensinhalt, dass er, nachdem er 1911 für seine wissenschaftlichen Verdienste zum Professor ernannt worden war, 1915 sogar die Berufung auf den Lehrstuhl für Orthopädie an der Universität Berlin ablehnte.

Während des Ersten Weltkriegs warb er für eine funktionierende, leistungsfähige Kriegskrüppelfürsorge, die den versehrten Soldaten neben prothetischer Versorgung und Schulung die rasche Wiedereingliederung ins Arbeitsleben gewährleisten sollte. In der Hoffnung, die zivile Krüppelfürsorge könne von der Dynamik der Kriegskrüppelfürsorge profitieren, bemühte sich Biesalski nach Kriegsende, die Konzentration der Deutschen Vereinigung möglichst schnell wieder auf ihr ursprüngliches Aufgabengebiet zu lenken. Unter seiner beratenden Mitwirkung gelang es 1920, das Preußische Krüppelfürsorgegesetz durchzusetzen, das gebrechlichen Kindern und Jugendlichen rechtlichen Anspruch auf unentgeldliche Behandlung und Ausbildung zusicherte.

Biesalski definierte den Krüppel als heilbaren Kranken mit eingeschränkter Funktionalität des Stütz- und Bewegungsapparates, und schon 1908 erachtete er die moderne Krüppelfürsorge als soziale Betätigung der Orthopädie, deren Zielsetzung sich mit Blick auf die daraus folgende staatliche Entlastung darauf richten sollte, aus einem „Almosenempfänger einen Steuerzahler“ zu machen.

Mit unermüdlicher Aufklärungsarbeit über Prävention und Heilungschancen, suchte er Ärzte, Verwaltungsbehörden, die Leiter der konfessionellen Anstalten und die allgemeine Öffentlichkeit von seinem Fürsorgekonzept zu überzeugen. Aber auch eine Herzattacke, die er 1926 mitten in der vorbereitenden Besprechung zur Hygieneausstellung „Gesolei“ -- Gesundheit, Soziales und Leibesübungen -- in Düsseldorf erlitt, ließ ihn nicht kürzer treten. In der Nacht vom 27. zum 28. Januar 1930 wurde Biesalski im Alter von 62 Jahren durch einen Schlaganfall mitten aus seiner Arbeit gerissen.

Mit Konrad Biesalski verlor die Deutsche Vereinigung für Krüppelfürsorge ihren maßgeblichen Protagonisten und dominanten Vordenker, ohne dessen Beharrlichkeit Gründung und Entwicklung des Verbandes nicht möglich gewesen wären.

Quelle: Hohmann G: Konrad Biesalski zum 100. Geburtstag (14.11.1868 bis 28.1.1930). Münchener Medizinische Wochenschrift 1968; 110: 2661-2663