19.11.2004

Stellungnahme der DVfR zu Früherkennung und Frühförderung hörgeschädigter Kinder

Die DVfR hat am 18. November 2004 zur Kleinen Anfrage der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag "Früherkennung und Frühförderung hörgeschädigter Kinder" wie folgt Stellung genommen:

Die CDU/CSU-Fraktion hat in einer Kleinen Anfrage nach dem Stand der Einführung eines Hörscreenings gefragt. Hintergrund ist die Tatsache, dass in Deutschland angeborene und frühkindlich erworbene Hörstörungen im Durchschnitt erst im Alter von knapp drei Jahren diagnostiziert werden. Zu diesem Zeitpunkt ist die Reifung der Hörbahn bereits abgeschlossen. Eine Hörgeräteversorgung erst mit 3 Jahren basiert dadurch auf einer schlechten Ausgangslage. Die Chancen eines spät diagnostizierten und therapierten hörgeschädigten Kindes, Hören und Sprechen zu lernen, sind gegenüber einem Kind, bei dem die Diagnose "Hörstörung" frühzeitig gestellt wurde, wesentlich ungünstiger. Aus der Antwort des BMGS geht hervor, dass zwei bedeutende Studien die Einführung eines universellen Neugeborenen-Hörscreenings als Leistung der GKV empfehlen und auch das BMGS die Einführung dieses Screenings für sinnvoll und wichtig erachtet.

Die DVfR unterstützt dieses Anliegen sehr und fordert den gemeinsamen Bundesausschuss auf, umgehend in den "Kinder-Richtlinien" die rechtlichen Rahmenbedingungen für ein universelles Neugeborenen-Hörscreening zu schaffen. Das BMGS bitten wir, die Beratungen zielstrebig zu begleiten. Dabei ist uns bewusst, dass die Basisvoraussetzungen unverzüglich auf die neuen Anforderungen ausgerichtet werden müssen. Weil das Screening derzeit nicht universell, also nicht flächendeckend in Deutschland stattfindet, fehlen Screeninggeräte, ausgebildete Untersucher sowie eine organisierte, regelmäßige Weiterbildung derselben (Qualitätssicherung). Außerdem ist derzeit weder ein Tracking (i.S. Nachverfolgung auffälliger Kinder) organisatorisch gewährleistet, noch sind die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Finanzierung für dieses oder das zugrundeliegende Screening geschaffen. Dadurch ist die vom BMGS zu recht geforderte Abklärungsdiagnostik bis zum Ende des dritten Lebensmonats derzeit nicht zu garantieren.

Infolgedessen kann auch die Therapie – in der Regel zunächst eine Hörgeräteversorgung – nicht zeitgerecht erfolgen. Abgesehen davon ergeben sich – anders als vom BMGS in der Antwort zu Frage 4 der Anfrage dargestellt – im Alltag immer wieder bei der Versorgung mit erforderlichen Hörsystemen Schwierigkeiten bezüglich der Kostenübernahme durch die Krankenkassen. Die Verträge zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern gewährleisten weit überwiegend leider nicht die Versorgung mit zuzahlungsfreien Hörgeräten. Dies steht im Widerspruch zum Verfassungsgerichtsurteil vom 17.12.2002, das die Krankenkassen für verpflichtet erachtet, Verträge zu schließen, die eine Hörgeräteversorgung als Sachleistung sicherstellen. Auch die Kostenübernahme der beidseitigen Versorgung mit Cochlea Implantaten ist nach wie vor häufig ein Problem. Hier sehen wir die Krankenkassen in der Pflicht.

Die Notwendigkeit unmittelbarer Diagnostik und der gleichzeitig beginnenden Frühförderung ist unbestritten, da die Zusammenhänge von Hör- und Sprachvermögen, beruflicher Bildung und gesellschaftlicher Integration offensichtlich und zusätzlich wissenschaftlich belegt sind. Aus diesem Grunde ist die zügige Umsetzung der angesprochenen Maßnahmen im Interesse der Betroffenen erforderlich.

Prof. Dr. Dr. Paul. W. Schönle
Vorsitzender des Vorstands der DVfR

Prof. Dr. Ute Pröschel
Ärztliche Direktorin der Abt. Stimm- und Sprachstörungen sowie Pädaudiologie der Universitätsklinikum Heidelberg
Leiterin des DVfR-Ausschusses „Hör- Stimm und Sprachschäden“

Zugehörige Dateien

DVfR-StN_Hörscreening_041118.pdf


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