20.11.2005

Menschen mit Behinderung gezielter fördern – ICF als Schlüssel

Die 2001 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verabschiedete „Internationale Klassifikation für Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ (ICF) sollte auch hierzulande als Planungs- oder Handlungsbasis für Therapie, Schulung, Integration und Pflege von Menschen mit Behinderungen angewandt werden. Das hat der Fachverband Deutsche Vereinigung für Rehabilitation (DVfR) auf einem Workshop zur Klassifikation ICF auf der Messe RehaCare in Düsseldorf gefordert.

110 Experten diskutierten unter Leitung von Dr. Hans-Martin Schian, Institut für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation, Köln, wie damit die Teilhabe behinderter Menschen gezielter gefördert werden könnte.

Die ICF wurde in Zusammenarbeit mit der Behindertenbewegung entwickelt. Sie dient als länder- und fachübergreifende einheitliche Sprache zur Beschreibung des funktionalen Gesundheitszustandes, der Behinderung, sozialer Beeinträchtigungen und relevanter Umfeldfaktoren einer Person. Mit Hilfe der ICF soll der Blick für Potenziale und persönliche Ziele der Betroffenen gestärkt werden. Das heißt in der Praxis, dass nicht mehr nur eine medizinische Diagnose, sondern der ganze Mensch im Mittelpunkt stehen muss, um den Bedarf an Assistenz- und Behandlungsleistungen künftig besser an persönliche Schwächen und Stärken anzupassen.

Zwar sind in der Vergangenheit vielfältige, oft kostenintensive Angebotspakete entwickelt worden. Die aber decken den Bedarf der Betroffenen "oft nicht genau genug" ab, was dann Fehlversorgung und Unzufriedenheit (inkl. vermeidbarer Finanzlasten) zur Folge hat. Die DVfR sieht sich durch den Workshop in ihrem Auftrag weiter bestärkt, die Umsetzung der neuen WHO-Klassifikation zu fördern, um hier Abhilfe zu schaffen, sagte der Vorsitzende, der Magdeburger Reha-Neurologe Prof. Dr. Dr. Paul Schönle. In dem einflussreichen Expertennetzwerk der DVfR finden sich bundesweit Organisationen rehabilitationsberechtigter Menschen, von Leistungsträgern, Anbietern, Forschern und Berufsverbänden aus dem Bereich der Hilfe für Menschen mit Behinderung.

Win-Win-Situation für alle Betroffenen erreichen!

Der Berliner Soziologe Dr. Michael Schuntermann, WHO-Koordinator der ICF-Übertragung ins Deutsche, betonte auf dem Workshop die grundsätzliche Tauglichkeit der Klassifikation hinsichtlich Bedarfserfassung, konkreter Zielfindung, Hilfeplanung, Leistungsauswahl, Erfolgsbeurteilung, Qualitätssicherung und vergleichender Statistik. Sozialexperte Harry Fuchs unterstrich dies mit dem Hinweis, gute Gesundheits- und Sozialgesetze, besonders das bereits an der ICF orientierte Sozialgesetzbuch IX, zielten stets genau auf diese "Win-Win-Situation" ab: Betroffene profitierten von passgenauen, unter ihrer Mitwirkung gefundenen und zusammengestellten Leistungen, ebenso wie die Solidargemeinschaft einen Vorteil habe von gesteigerter Wirksamkeit gezielterer Hilfen und vom Verzicht auf allen entbehrlichen Aufwand. Dies gelte allerdings nur dann, wenn die progressive Kraft moderner Behindertenpolitik nicht in der Praxis ausgehebelt oder unterlaufen werde, "weil manchen Verantwortlichen die Erkenntnis-Absicht dafür fehlt, die ICF in der Bedarfsfrage fachgerecht zu nutzen".

Menschen mit Förderbedarf zur Eingliederung, die beim Vertreten von Versorgungsinteressen Assistenz und Fürsprache brauchen, zögen aus ICF-orientiertem Vorgehen durchaus einen Nutzen, sagte Prof. Dr. Michael Seidel, leitender Arzt der v. Bodelschwinghschen Einrichtungen, Bielefeld, – wenn Wege zu "assistierter Betroffenen-Beteiligung" am Versorgungsplan gefunden würden. Auch die vor breiterer Einführung stehende Leistungsform eines "Persönlichen Budgets" - aus Betroffenen werden dabei aufgrund gemeinsam vereinbarter Hilfeplanung kaufkräftige "Auftraggeber" entsprechender Dienste – eignet sich, so die Rehabilitationswissenschaftlerin Prof. Dr. Elisabeth Wacker, Dortmund, gut zur Anwendung der ICF als Schlüssel zur "Hilfe nach Maß", der allerdings das mitunter nötige "Erproben von Lösungswegen" nicht verbauen dürfe. Alfred Jakoby vom Landessozialamt Hessen/LWV Kassel traut ebenfalls der ICF ordnende Bedeutung für eine bedarfsgerechtere Versorgung zu, räumte aber ein, dass man erst am Beginn ihrer planerischen Nutzung stehe. Deutlich wurde in der Diskussion, dass ICF-basierte Reha-Planung "ein lernendes System der Teilhabeförderung" möglich machen müsse, dass aber "Bewertungen", wie sie für Leistungsvergütung und Ressourcensteuerung nötig sind, aus der ICF selbst nicht hervorgehen, sondern weiter der politischen Verständigung Beteiligter bedürfen.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg steht zur Zeit wegen Problemen mit der Aufgaben-Neuordnung zwischen Kommunen und Arbeitsagenturen auch in der beruflichen Rehabilitation in der Kritik. Ihr leitender Arzt, Dr. Walther Heipertz, setzt aber auf baldige befriedigende Lösungen, auch durch Nutzung der Möglichkeiten der ICF, denn bei Vergabe zielgenauer Vertragsleistungen zur Qualifizierung und Erwerbsintegration von Menschen mit Behinderung gehe es um sach- und personengerechte, exakte Beurteilung von Bedarf und Leistungsangebot. Klienten müssten künftig genau die Unterstützung finden, die sie brauchen und wollen – nicht mehr und nicht weniger. Anbieter, die mit der ICF arbeiten, könnten genau dies besser "nachweisen" – Stichworte: Modularisierung, individuellere Zumessung beruflicher Rehabilitation.

Die ICF ist zwar ein wissenschaftlich durchdachtes Definitionssystem – dass sie aber deshalb unverständlich oder kaum handhabbar sei und den Dokumentationsaufwand helfender Berufe weiter erhöhe, ist laut Dr. Hubert Hoser, BG-Unfallklinik Hamburg, nicht der Fall. Er stellte die vereinfachte Anwendung im klinischen Alltag vor – eine lösbare Aufgabe zum Nutzen der Qualitätssicherung für betroffene Unfallopfer, die nach schwerstem Trauma nur schrittweise "ihre Persönlichkeit wiederfänden" und daher oft erst nach den ersten Reha-Phasen ihr Mitwirkungsrecht ausüben könnten. Bis dahin müssten Fachkräfte mit Betroffenen daran arbeiten, funktionelle Optionen zu bewahren bzw. zu entwickeln.

Co-Moderator Prof. Dr. Karl Wegscheider, Hamburg, und Schlussrednerin Rika Esser, Berlin, beide als Rollstuhlfahrer Experten in eigener Sache, stimmten zwar zu, aus der ICF heraus entwickelte Instrumente böten die Chance eines guten Maßstabs für Rehabilitation bzw. Pflege und würden so wohl helfen, deren Strukturen stärker entlang dem Teilhabebedarf Einzelner zu entwickeln. Als geeignete "Sprache" würde die ICF so die Leistungsberechtigten gegenüber Kostenträgern und Leistungsanbietern stärken. Beide warnten aber vor einer Fehlentwicklung hin zum objektivierten Bedarf oder gar zum funktionell "normierten" Menschen, d. h. zum Verlust des subjektiven Anteils im sensiblen Geschehen der Teilhabeförderung. Diese bestehe nämlich auch aus intimen, oft beidseitig persönliche Verletzlichkeiten berührenden Vereinbarungen zwischen Betroffenen und professionell Beteiligten. Wertsetzungen seien da einfach erforderlich, die – bei Achtung für den Vorrang der Wünsche Betroffener – zum produktiven Konsens geführt werden müssten.


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